EuropaTest

Am 21.9.2014 wurde im Rahmen der Probebühne IV des Humboldt Lab Dahlem auch die Ausstellungsintervention EuropaTest eröffnet. Museumsübergreifend werden hier experimentell Beziehungen zwischen Europa und außereuropäischen Objekten in den Museen gezeigt, werden das Making Europe(s) und die vernetzten Sammlungsgeschichten der Museen Dahlem angesprochen. Aber auch die anderen Projekte der Probebühnen lohnen einen Besuch!

— Ergänzung September 2016:

Die Ausstellung ist mittlerweile abgebaut und das Humboldt Lab Dahlem hat seine sehr erfolgreiche Arbeit beendet, dafür ist die Dokumentation zum EuropaTest online.

Ein Beitrag zum EuropaTest ist im Dezember 2015 erschienen:
Groschwitz, Helmut: Und was ist mit Europa? Zur Überwindung der Grenzen zwischen ‚Europa’ und ‚Außer-Europa’ in den ethnologischen Sammlungen Berlins. In: Kraus, Michael; Noack, Karoline (Hg.): Quo vadis Völkerkundemuseum? Aktuelle Debatten zu ethnologischen Sammlungen in Museen und Universitäten. Bielefeld: transcript 2015.

 

 

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Netnography on Pinterest

Mit Pinterest gewinnt ein neues Konzept von social media zunehmend an Bedeutung. Gerade vor dem Hintergrund einer visuellen Anthropologie ergeben sich daraus sehr interessante Ansätze. Auf einer eher pragmatischen Ebene steht die Pinterest-Seite die jetzt mit der Netnography-Gruppe auf LinkedIn verbunden ist – ich bin gespannt, wie sich diese entwickeln wird:

http://pinterest.com/pablosanchezk/netnography/

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Das Begehren in der Kultur. Liebe, Sehnsucht und der Markt des Verlangens. Aus der Perspektive der Kleinen Fächer

Ringvorlesung im Sommersemester 2012 an der Universität Bonn

Das Begehren in der Kultur
Liebe, Sehnsucht und der Markt des Verlangens – Aus der Perspektive der Kleinen Fächer

Vorträge jeweils mittwochs, 18-20 Uhr, Hörsaal H V, Hauptgebäude der Universität Bonn (Schloss)

4.4.2012
Helmut Groschwitz
Der (un-) verschämte Blick. Erotik in populären Bilderwelten

11.4.2012
Ralph Kauz
Liebe während der Ming-Dynastie (1368-1644)? – Einige Außen- und Innenansichten

25.4.2012
Christoph Antweiler
Romantische Liebe zwischen westlichem Konstrukt und kulturübergreifender Erfahrung

2.5.2012
Joachim Harst
Medialitäten des Begehrens im Film der Postmoderne (Lynch/Coen Brüder)

9.5.2012
Regina Höfer
Missing Sex Mandala – Pornographie und Sexualität in der zeitgenössischen tibetischen Kunst

23.5.2012 (im Rahmen des dies academicus)
Karoline Noack
Sexualität und Tod – Verlangen nach Leben: Zur Kosmogonie der Moche im vorspanischen Peru

6.6.2012
Konrad Klaus
Liebe und Erotik in den einheimischen indischen Wissenschaften

13.6.2012
Michael Schulz
Kann denn Liebe Begehren sein? Eros und Agape im religiösen Kontext

20.6.2012
Dittmar Dahlmann
Eros der Revolution, Eros und Revolution

4.7.2012
Erik Fischer
Klangfiguren des Begehrens, der Erfüllung und der Entsagung – Aspekte einer musikalischen Sprache der Liebe

11.7.2012
Stephan Conermann
Liebe, Sexualität, Erotik während der Mamlukenzeit (1250-1517) – Zur Problematik einer historischen Anthropologie der „Vormoderne“

Koordination und Kontakt:
Prof. Dr. Karoline Noack, Abteilung für Altamerikanistik/Ethnologie, Oxfordstr. 15, 53111 Bonn, knoack@uni-bonn.de
Dr. Helmut Groschwitz, Abteilung Kulturanthropologie/Volkskunde, Am Hofgarten 22, 53113 Bonn, groschwitz@uni-bonn.de

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Kulturknoten auf facebook

Kulturknoten hat auch eine Seite auf facebook mit aktuellen Hinweisen und Meldungen: www.facebook.com/pages/Kulturknoten/218089888236741

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Exhibiting Europe

Ein sehr interessanter Tagungsbericht über „Exhibiting Europe. The development of European Narratives in Museums, Collections and Exhibitions“ bündelt die Problematik, wie sich Europa im Museum repräsentieren lässt, aber auch, welchen Anteil Museen an dem Narrativ „Europa“ haben. Der Tagungsband wird mit großem Interesse erwartet…

 

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Ein neuer Blick auf’s schon Vorhandene

Im (goldenen) Rahmen des 50jährigen Jubiläums des Freilichtmuseums Kommern gibt es die Sonderausstellung „50 verborgene Schätze“, die mit einem sehr geschickten Konzept arbeitet. Die Ausstellung besteht sowohl aus (verborgenen) Objekten, die aus konservatorischen Gründen sonst nicht gezeigt werden können, sowie aus Hinweisen auf Details in und an Häusern, die sonst kaum auffallen. Diese Details, z.B. Handwerkszeichen, und Artefakte, z.B. Andachtsbilder oder Kesselhaken, die oft schon seit 50 Jahren im Museum zu sehen sind, bekamen hierzu einen goldenen Rahmen (bei diesem Beispiel ist es  der Hinweis auf die Jahreszahl und damit die zeitliche Verortung der Weinproduktion):

Der Rahmen lenkt den Blick auf ein Detail, das mit einer Tafel in der Nähe weiter erläutert und in seiner Bedeutsamkeit erklärt wird. Durch den Rahmen wird der Blick auf Feinheiten und Besonderheiten gelenkt, die man sonst wohl übersehen würde.

Der goldene Rahmen bedeutet aber auch eine Heraushebung, eine Hierarchisierung in einem Ensemble von Artefakten. Macht das Herausgehobene dabei Appetit auf mehr, auf das nicht-Ausgezeichnete? Kann der Besucher die Informationen über dieses Herausgehobene auf die sonstigen Objekte übertragen? Die Auswahl und die Reduktion auf einzelne Besonderheiten, auf „verborgene Schätze“ erleichtert dem Museumsbesucher natürlich auch die Rezeption, indem die Fülle an Details, an Feinheiten und Varianten, reduziert wird. Ob diese Auswahl die einzig mögliche ist, das sei dahingestellt, denn es sind  auch viele andere denkbar. In jedem Fall zieht sich so ein roter, besser: ein goldener Faden durch die Ausstellung.

Dieses Ausstellungskonzept lässt sich auch mit der Heritage-Praxis von Unesco und EU vergleichen. Bedeutet nicht auch das Welterbe-Siegel oder das EU-Heritage-Siegel eine Heraushebung in einem komplexen Ensemble? Wird der Blick auf das schon Vorhandene damit nicht auch neu geschärft? Oder bedeutet diese Fokussierung, dass das Nicht-Ausgezeichnete daneben verblasst…?!

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European Heritage – eine Annäherung

Europa – das wird gerne mit Verträgen und Verordnungen, mit Programmen und Inszenierungen in Verbindung gebracht. Im Moment natürlich auch mit der Frage nach Zugehörigkeit und Verantwortung. Dabei ist Europa ein sehr vielschichtiger, schillernder und polyvalenter Begriff. Das kennen wir sehr gut in der Kulturanthropologie/Volkskunde mit dem Kulturbegriff. Als kleines Bonmot schlage ich den Studierenden ab und zu vor, dass sie, sofern in einer Diskussion von Kultur die Rede ist, doch einfach mal die Frage stellen sollen, von welchem Kulturbegriff denn eigentlich die Rede sei. Damit könne man, so behaupte ich, die meisten Diskussionen um Kultur auf ein deutlich höheres Niveau heben.

Ähnlich – so scheint mir – macht es oft Sinn, erstmal nach Europa zu fragen, wenn von Europa gesprochen wird. Ist es das geologische Europa als eher kleiner Teil der eurasischen Kontinentalplatte, ist es das antike, das historische Europa, das sich oft heftig bekriegte, das aber auch wissenschaftliche Höchstleistungen hervorbrachte? Ist es das Europa der Europäischen Union oder das Europa des Europa-Rates? Ist es das Europa, das die Menschen aus afrikanischen Ländern ersehnen, wenn sie auf meist seeuntauglichen Booten ihr Leben riskieren, oder ist es das Europa in den Köpfen, von dem der indische Literaturwissenschaftler Dipesh Chakrabarty in seinem gleichnamigen postkolonialen Essay zu Recht sagt, dass man es „provinzialisieren“ solle?

Gerne behilft man sich in solchen Fällen durch Pluralformen. Dann wird nicht mehr von Kultur, sondern von Kulturen gesprochen, nicht mehr von Europa, sondern von Europas. Das hilft im Moment, auch wenn es keine Lösung ist. Weshalb ich mir auch im folgenden verkneife, von European Heritages zu sprechen. Stellen müssen wir die Frage aber natürlich schon, was denn so alles unter European Heritage firmiert. Und in der heutigen global vernetzten Welt beginnt das gerne mit einer Google-Abfrage, als mittlerweile ritualisierten Suche nach der Relevanz eines Gegenstandes – ich bin bei Google, also bin ich. Ich durchbreche aber die Routine, indem ich nicht wie üblich die Anzahl der Treffer nenne. Schon die ersten Ergebnisse sind dann doch viel interessanter. Denn als Erstes wird angezeigt: Möbel – das European Heritage scheint sehr wohnlich zu sein.

Eine umfassende Analyse inklusiver einer fundierten Quellenkritik soll an anderer Stelle behandelt werden – und ich möchte gerne von einer anderen Seite her argumentieren.
European Heritage – europäisches Kulturerbe handelt offensichtlich von Kulturerbe. Das ist nun ein wissenschaftlicher Diskurs, der gerade in der Kulturanthropologie/ Volkskunde in den letzten Jahren sehr intensiv betrieben wurde. Denn im Grunde berührt er einen zentralen Aspekt des Faches, nämlich die Konstituierung der Volkskunde im 19. Jahrhundert. Diese entstand im Kontext eben jener Idee, dass es ein – in dem Fall natürlich deutsches – kulturelles Erbe gäbe, das es zu erfassen, zu beschreiben, zu sammeln und zu bewahren gäbe. Ein Phänomen, das nicht nur auf Deutschland beschränkt war – vielmehr suchten die meisten, wenn nicht alle Nationen Europas nach ihren Wurzeln, nach ihrem Kulturerbe. Oder nach dem, was man Sitte und Tradition nannte.

Nun ist die Tradierung ein erstaunlich alltäglicher und unreflektierter Vorgang, meist spricht man einfach von Sozialisation. Seien es die jeweiligen Sprachen und ihre Varietäten, seien es kulturelle Praktiken vom Gebrauch des Bestecks bis zur Bedienung des Handys – immer muss etwas vermittelt, gelernt, in Besitz genommen und legitimiert werden. Kulturerbe im Sinne von etwas, das weitergegeben und in Besitz genommen, also tradiert wurde, ist allein von der Menge her sehr, sehr viel. Ohne dass man es unbedingt als Kulturerbe bezeichnen würde.

Von Kulturerbe dagegen wird meist dann gesprochen, wenn spezielle Artefakte und Praktiken als etwas Besonderes identifiziert, erforscht, etikettiert und im besten Falle in nationale und internationale Listen eingetragen werden. Nun möchte ich nicht die Forschungsliteratur der Heritagekritik ausbreiten; eines muss aber daraus festgehalten werden: Kulturerbe ist nichts Natürliches, den Artefakten und Praktiken Immanentes. Kulturerbe ist vielmehr eine diskursive und performative Ordnung und Hierarchisierung der Welt. Und: das Reden von Kulturerbe taucht häufig im Kontext von Verlusterfahrungen auf. Das fand im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund sozialer, religiöser, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Umwälzungen statt. Oder nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Eindruck der Zerstörungen durch die globalen Kriege und später dem Erkennen der Folgen der „Modernisierung“; heute wird oft die kulturelle Globalisierung als bedrohlich empfunden.

Ich versuche, mich European Heritage von einer anderen Seite her anzunähern. Da der Begriff einen klar definierten räumlichen Aspekt impliziert, lässt sich genau nach diesem Raum fragen. Die verschiedenen Europas wurden eingangs schon genannt. Im Grunde hat Europa eine Größenordnung, die zwischen einzelnen Nationen und der globalen Welt liegt. Das Ganze ist verbunden durch – ja, wodurch eigentlich? Nun, durch ein European Heritage eben, durch ein europäisches Kulturerbe, durch eine gemeinsame große Erzählung. Zumindest wäre das jetzt eine sehr elegante Lösung.

Natürlich ist der Raum auch eine notwendige Kategorie, denn jedes Kulturerbe braucht ja einen Ort, eine Verortung – sonst weiß ja keiner, wer sich darum zu kümmern hat – oder wer das Kulturerbe für sich reklamieren kann. Nun ist der europäische Raum, egal welche Europa-Definition man verwendet – deutlich größer als Nationen und umfasst eine Vielzahl derselben. Ist European Heritage also vielleicht einfach nur die Summe aller nationalen Kulturerbe? Auch das ist wohl zu einfach.

Ich frage anders: Ist European Heritage ein Kulturerbe IN Europa – oder ist es ein Kulturerbe FÜR Europa? Dass Kulturerbe eine identitätsstiftende Funktion hat ist unbestritten. Der niederländische Kulturerbetheoretiker Gregory Ashworth fragt bei Kulturerbe deshalb auch danach, von welcher Gesellschaft denn die Rede sei – um dann danach entsprechend ein Kulturerbe auszuwählen. Und Identität – eigentlich ist auch hier der Plural nötig: Identitäten – haben stets etwas zu tun mit der Beschreibung von Eigen- und Besonderheiten, von Narrativen einer historischen Erzählung – aber auch von Inklusion und Exklusion. Denn sobald ich von einem WIR spreche, so benenne bzw. erzeuge ich ein IHR, ein NICHT-WIR. Die Konstruktionen gleich welcher Identitäten bedeuten immer auch Einschließungen und Ausgrenzungen. Weswegen Identitäten ja stets an Grenzen und im Kontakt mit dem Anderen sichtbar werden. Nichts schärft den Blick für das Eigene so sehr, wie die Begegnung mit dem Fremden. Es ist dies einer der Gründe, warum man in der Kulturanthropologie/Volkskunde gerne davon spricht, dass man Europa nur von seinen Grenzen her verstehen kann, ausgehend von der Peripherie und nicht von den Zentren.

Methodisch ist es ein beliebter Trick, bei der Suche nach der Bedeutung von Begriffen nach den Gegenbegriffen zu fragen oder nach den Grenzen. Was ist oder wo beginnt eigentlich Nicht-Europa? Was ist oder wo beginnt das, was dann nicht mehr European Heritage ist? Suche ich rein geographisch nach dieser Frage, dann komme ich früher oder später z.B. nach Russland, in den Kaukasus, bis hin nach Afghanistan – oder, wieder etwas näher – in die Türkei. Die hat ja bekanntermaßen einen europäischen und einen asiatischen Teil, welche – Segen der Natur – durch eine Meerenge voneinander getrennt sind. Paradoxerweise ist dabei aber, dass sich ein guter Teil dessen, was nun wirklich ganz eindeutig European Heritage ist, die Ausgrabungen von Troja etwa, im asiatischen Teil der Türkei befinden.

Die geographische Suche nach den Grenzen von Europa und dem European Heritage wird auch anderswo schwierig. Und Anderswo meint hier: sehr weit weg. Man denke an die Kirchen in Südamerika im spanischen Barockstil oder die Häuser in niederländischer Bauweise auf den Antillen. Oder an die Verbreitung europäischer Sprachen in der ganzen Welt. Oder an das Praktizieren einer Religion, die von einem Religions-Stifter im Nahen Osten angeregt wurde, einem gewissen Jeshwa Ben Yussef, auch bekannt als Jesus von Nazareth, und die sich dann sehr stark im europäschen Raum weiterentwickelte.
Kulturelle Erscheinungen wandern und verändern sich – weshalb es ja manchmal so schwer ist, sie zu verorten. Als Kulturerbe zu verorten etwa. Wenn etwa eine bestimmte Form der katholischen Heiligenverehrung von spanischen Missionaren nach Ecudaor gebracht wurde, sich dort mit indigenen Praktiken vermischt und hybridisiert hat und in der Gegenwart wieder nach Europa re-importiert wird. Ist das dann römisch-katholisches, spanisches oder ecuadorianisches Kulturerbe?
Die Suche nach European Heritage über geographische Kriterien wird aber auch schwierig, wenn ich das Fremde im Inneren betrachte. Also gleich um die Ecke, dort, wo sie so eigenartige Bräuche haben, Karneval etwa, oder sich so eigenartig kleiden und so anders essen. Gut, den Döner Kebab haben wir ja inzwischen „integriert“, der wurde  angeblich auch in Berlin erfunden, wobei es ein paar Quellen gibt, die dann doch wieder auf Istanbul verweisen, also Kontantinopel, und das ist ja ganz klar Europa. Müssen wir uns dann vielleicht doch vom Raum lösen und zu den Geschichten, zu den „Biographien“ der Artefakte und Praktiken kommen?

Nun habe ich natürlich den Raum bzw. der Mobilität schon etwas arg strapaziert, und wenn man z.B. einer Erhebung von vor ein paar Jahren aus England folgt, dann bewegen sich dort über die Hälfte der Engländer in ihrem Leben größtenteils im Umkreis von 10 km zu ihrem Geburtsort. Nein, nicht alles ist global und mobil, die Region, das Lokale existiert nach wie vor, genauer gesagt: das Lokale boomt, das Interesse daran zeigt sich nicht nur in der Vielzahl von Vereinsgründungen und dem Warenangebot – es ist auch theoretisch greifbar. Denn, wie Bruno Latour so treffend anmerkt: „there exists no place in the world that can be called non-local“.

Egal, was passiert, es muss an einem Ort geschehen. Und an den Orten leben Menschen und die Menschen haben eine Heimat – zumindest eine Lebenswelt – wo sie sich einbringen, wo sie sich seelisch verwurzeln. Und das bedeutet ja auch, dass sie die Welt um sich herum verstehen und die Artefakte und Praktiken decodieren können, dass sie dort mit anderen Menschen interagieren, Feste feiern, sich besuchen und dabei immer wieder fragen: was ist Dein Besonderes – und was ist mein Besonderes?! Kulturerbe eben – Local Heritage.

Kulturerbe, so habe ich am Anfang gesagt, ist etwas, das man wahrnehmen und beschreiben kann, über das Wissen produziert und in eine Form gebracht wird, das man also erzählen muss. Kulturerbe besteht nicht in dem, was ich beobachte – sondern in dem, was ich darüber sage. Oder anders formuliert: Kulturerbe braucht Erzählungen. Ist Kulturerbe vielleicht selbst vor allem eine Art von Erzählung? Und wenn ja – welche Narrative, welche Stoffe, welche Werte werden darin erzählt? Gibt es eine „europäische Erzählung“, eine „european story“? Tatsächlich lässt sich ja beobachten, dass, vor allem seit den 1990er Jahren (verstärkt seit 2006) durch verschiedene Europa-Institutionen ganz gezielt Kulturerbe zur europäischen Identitätsbildung eingesetzt wird – bis hin zur Entwicklung eines eigenen Labels und einer eigenen Listung zu einem Europäischen Kulturerbe, das deutliche Parallelen zum Unesco-Welterbe hat. Womit dann natürlich wieder Orte, Artefakte und Praktiken ausgezeichnet werden, die in Nationen liegen, die aber natürlich auch Teil von Europa sind – und die für eine Europäische Geschichte bedeutsam werden.

Ein European Heritage, ein europäisches Kulturerbe kann nicht einfach nur eine Summe von nationalen Kulturerbe sein, oder auch von bi- und trinationalen, wie es ja die Euregios nahelegen. Ist die Suche nach dem European Heritage also die Suche nach einem gemeinsamen Kulturerbe, oder ist es vielleicht eher ein bestimmter, ein „europäischer Modus“, ein europäischer Blickwinkel?! In diesem Sinne könnte man die Suche nach europäischer Identität bzw. einem European Heritage auch als einen Diskurs über die Europäisierung Europas auffassen. Und das European Heritage wäre schlicht ein diskurstaktischer Begriff für die Auflösung nationalstaatlicher Orientierungen?!
Das hielte ich für eine gute Perspektive, die ich gerne zur Diskussion stellen möchte. Und doch lässt auch dies noch einige Fragen offen: Wer benennt eigentlich das European Heritage? Und was soll es umfassen? Und wie geht man mit dem Kulturerbe der Deklassierten um, jenen, die im Plappern des öffentlichen Diskurses nicht zu Wort kommen. Und jenen, die ein ganz anderes Kulturerbe für sich reklamieren, eines, das etwa sowohl Deutschland als auch Kasachstan oder Vietnam umfasst? Vielleicht müssen wir irgendwann einen neuen Begriff suchen, einen, der über Europa hinausgeht. Später.

Bei dem vorliegenden Essay handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Impulsreferates auf der Tagung „European Heritage“ der BGVK am 2.7.2011 in Stolberg.

Erwähnte Literatur:
Ashworth, G. J.; Larkham, P.J.: Building a new heritage. Tourism, Culture and Identity in the New Europe. London 1994.
Chakrabarty, Dipesh: Europa provinzialisieren. Postkolonalität und die Kritik der Geschichte. In: Conrad, Sebastian; Randeria, Shalini (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt/Main 2002, S. 283-312.
Literatur zu Kultur- und Welterbe: https://kulturknoten.wordpress.com/doing-heritage/literatur/

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